Blog von Eberhard R. Hilf

Was macht die Dissertationen-Online Diskussion in Deutschland?
2013-01-17

Wann hat man je wieder soviele zusammenhängende Zeit, Kompetenz und Energie für eine eigene wissenschaftliche Arbeit? Dissertationen sind potentiell besonders gehaltreiche, aktuelle, wissenschaftliche Arbeiten. Dissertationen, wie z.T. auch andere Examensarbeiten an Hochschulen sind Hochschul-eigen. Kopien der Arbeiten müssen zugänglich aufbewahrt und nachles- und nachprüfbar sein. Online lässt sich dies heute dank Open Access bequem realisieren.

Vor allem in den USA hat sich über das etablierte und umfassende Registry NDLTD eine lebhafte Diskussions-Szene zu allen Feinheiten und Besonderheiten des Open Access für Dissertationen gebildet: Fragen sind z.B.: Wie dürfen Korrekturen nachträglich eingebracht werden? Welche technischen Lösungen gibt es für nicht-textuelle Arbeiten? Wie wird die Langzeit-Lesbarkeit sichergestellt? Und es gibt immer rechtliche Fragen wie z.B. bei Teil-Publikation in einem Verlag oder die Verwendung geschützter Quellen.

In Deutschland bietet die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) die (Langzeit-)Archivierung der Dissertationen an und dokumentiert das Archivgut und dessen Historie mit seinem XMetaDissPlus Metadatenformat.

Allerdings: die Zahl der neu registrierten Online Dissertationen in Deutschland stagniert seit 2004 und fällt sogar in den letzten Jahren wieder ab. Siehe das Diagramm „Entwicklung des Anteils der online Dissertationen ingesamt”.

Dies nicht etwa, weil andere Anbieter für die Langzeitarchivierung auf dem Markt erschienen sind oder weil die Anzahl der Dissertationen an den Hochschulen rückläufig ist. Vermutet werden muss vielmehr ein Informationsmangel im ganzen die Disserationen begleitenden Workflow, von den Promoventen über die Prüfungsausschüsse bis zu den Bibliothekaren der Hochschulen. Nur an wenigen Hochschulen gibt es noch Diss-online Beauftragte, die dann aktiv sich mit den Promotionsausschüssen der Fakultäten über die Subtilitäten verständigen und über die bequemen und effizienten Möglichkeiten einer Online-Dissertation informieren.

Wir, als Institute for Science Networking, hatten einst die Entwicklung von Online-Dissertationen und eines etablierten Diss-Online-Systems mit angestoßen; auch mit dem DFG-Projekt dissonline. Wir sehen inzwischen mit einem lachenden Auge die Etablierung der Langzeitarchivierung in der DNB und mit einem weinenden Auge die Abkopplung von der Praxis in den Fachbereichen, als Resultat einer „akademisch-organisatorischen Demenz”, der man durch einen bundesweiten Schub in Form einer Veranstaltungsreihe in den Fachbereichen leicht entgegenwirken könnte. Noch ist ausreichend Rest-Erinnerung vorhanden, um ein effizientes und umfassendes Dissertationen-Online-System ohne zu großen Aufwand zu reaktivieren.

Sie sind an dieser Reaktivierung interessiert? Dann nehmen Sie doch mit uns Kontakt auf!

Weiterführende Quellen:

  1. FUSE Free US ETDs promoting Open Access to American graduate research Es gibt dort u.a. eine lebhafte Diskussion zu einem OA Portal to US Theses and Dissertations.
  2. Eine lebhafte Diskussion gibt es auch in ETD-L und das zentrale NDLTD Networked digital Library of Theses and Dissertations.
  3. Ein synoptisches Verzeichnis von immerhin 2 Millionen OA-Dissertationen findet sich in dem noch etwas fehlerbehafteten neuen Server
  4. Auch in Frankreich hat sich ein neues Portal gebildet.
  5. DFG-Projekt Dissertationen Online
  6. Electronic Theses and Dissertations Bibliography; Charles W. Bailey, Jr. Version 6: 1/17/2012
  7. Weitere Open-Access Verzeichnisse: Digital/Print Books, Digital Bibliographies, Weblogs

Dieser Beitrag ist auch in Zugang-zum-Wissen erschienen.

Was kommt nach den wissenschaftlichen Zeitschriften?
2013-01-10

Stefan Winter hat eine wunderbare, stringente Analyse geliefert [1], was Aufgabe und Wert wissenschaftlicher Zeitschriften eigentlich sind.

Das tradierte, vernetzte Angebot der (meist) kommerziellen wissenschaftlichen Verlage von thematisch orientierten wissenschaftlichen Zeitschriften mit verdecktem Referieren durch Gutachter, der „Qualitätsbewertung” eines Zeitschriftenartikels durch den Impact-Faktor der Zeitschrift, Zitations-Zählen, Verkauf der Ware als gedrucktes Werk, etc. wandelt sich im Zeitalter des World Wide Web zu einer immer breiteren und leistungsfähigeren Palette von unabhängigen Einzeldiensten, die keines Verlages mehr bedürfen und die wesentlich mehr Qualität zu niedrigeren Preisen liefern.

  • Wissenschaftliche Arbeiten seien, so Winter, (im Unterschied zu Musik, Belletristik) „Voluntary Public Goods” (VPG), d.h. die Allgemeinheit hat ein Recht darauf, ungehindert Zugang zum Volltext zu haben (Neuigkeiten zu OA unter Open Access Now; Relevant, current, curated news and information about open access and scholarly publishing).
  • Eine unmittelbar nach dem online Open Access stellen einer Arbeit einsetzende Diskussion aller weltweit verteilten Experten ist fachlich höherwertig, als die Meinung weniger und verdeckt arbeitender Gutachter eines Verlages, auch, weil sich diese keiner Kritik an ihrer Meinung aussetzen im Gegensatz zu offen agierenden Diskutanten (näheres, siehe: Open Peer Review).
  • Die Qualitätsfilterung ergibt sich besser aus dem Echo der Diskussion und einer Messung des Leseverhaltens der Community, frei nach dem aus Online-Shops bekannten „andere, die dies taten, haben auch das getan”.
  • Das Zählen von Downloads und eine Motivation der Leser zu einem eigenen Ranking des Papers würde die Qualitätsfilterung ergänzen.

Bereits jetzt gibt es zunehmend fachverständige Filterdienste online. So können online-Summaries (wie dieser) Kollegen leiten, wissenschaftliche eigene Tätigkeit dokumentieren und einen Know-How Pool bisher unbekannter Qualität aufbauen. Ein solcher, neuer Service ist Papercore, ein (Wiki-basierter) Summary-Dienst für die Physik.

Insgesamt wird so die bisherige Rolle der kommerziellen Verlage überflüssig. Sie wird durch eine Palette unabhängiger, qualitativ höherwertiger Online-Dienste ersetzt.

Ein Beispiel von Diensten, die diesem Konzept partiell gerecht werden, ist SSRN – Social Science Research Network (mit dem schönen Motto: „Tomorrow’s Research today”).

Quelle:
[1] Winter, Stefan, What Do Journals Do? – Voluntary Public Goods and the Doomsday of Commercial Science Publishing (December 14, 2012). Available at SSRN: http://ssrn.com/abstract=2189631 or http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.2189631